„Luca, du musst nicht den harten Kerl spielen. Zum Wodka kannst du etwas hinterhertrinken — du solltest es sogar.“ „Mache ich doch.“ „Was denn?“ „Wein!“
Wie das Aufeinandertreffen dieser beiden Trinkkulturen ausging, muss ich wohl nicht extra erklären. Der arme Luca machte schlapp, bevor wir überhaupt sein Elternhaus verlassen hatten.
Es war unser erstes Abendessen in einem richtigen italienischen Zuhause. Als Geschenk für den Gastgeber hatte ich polnischen Żubrówka mitgebracht. Luca — etwas älter als ich, ein herzlicher Familienmensch und Gelehrter, der über die Philosophie Karol Wojtyłas promoviert hatte — bestand darauf, an diesem Abend „auf polnische Art“ zu trinken. Am nächsten Tag mussten Lucas philosophische Betrachtungen einem deutlich irdischeren Leiden weichen. Mir selbst hatte der Abend dagegen so gut wie nichts ausgemacht.
Diese Geschichte erinnerte mich daran, wie ähnlich wir den Italienern bei Tisch sind — und wie sehr wir uns gleichzeitig beim Trinken unterscheiden.
Wir alle lieben lange Abendessen, Familientreffen, Gespräche bis spät in die Nacht und Alkohol, der irgendwo zwischen den Tellern steht. Nur trinken Italiener meistens anders. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Mengen durchaus ähnlich sein können, die Alkoholprozente aber ganz bestimmt nicht.
In Italien gilt Wein nicht als eigenständige „Attraktion des Abends“. Er gehört zum Essen, zur Umgebung und zum täglichen Ritual. Ähnlich wie Prosecco oder Aperol. Ich erinnere mich, wie ein befreundeter Restaurantbesitzer sich über unseren Besuch freute und meinem damals vierzehnjährigen Sohn einen Aperol Spritz hinstellte.
„Aber er ist doch noch minderjährig“, bemerkte ich. „Das ist doch nur Aperol“, antwortete Maurizio ehrlich erstaunt.
Natürlich behaupte ich nicht, dass das italienische Modell perfekt ist. Manchmal wird die Grenze zwischen „Teil der Mahlzeit“ und schlichtem Alkohol dort verdächtig unsichtbar.
In Polen dagegen ist Alkohol häufiger ein Selbstzweck. Wir trinken nicht immer zum Abendessen. Ein Bier ohne etwas zu essen ist völlig normal. In Italien erntet man ehrliches Erstaunen, wenn man Alkohol bestellt, ohne etwas dazu zu essen. Italiener nippen. Wir „legen los“. Sie verteilen das Trinken auf mehrere Stunden. Wir können daraus eine Wettkampfsportart machen. Der Alkohol ist alle = die Party ist vorbei.
Und damit stellt sich die Frage: Welches Modell ist vernünftiger?
Das italienische — weniger Alkoholprozente, langsam, zum Essen, dafür aber häufiger?
Oder das polnische — seltener, dafür kräftiger, mit einem starken Auftakt und einem nicht immer ebenso eleganten Finale? Vielleicht liegt das Problem aber weder am Wein noch am Wodka, sondern an unserem ständigen Bedürfnis zu beweisen, dass „einer noch geht“?
Bei Luca ging an diesem Abend keiner mehr.


