Ich gebe zu, das war ein ziemlicher Schock. Ein kleines kulinarisches Erdbeben sogar. Aber wie auch immer man es betrachtet: Die Sprecherin war eine Frau im Alter meiner Mutter. Meine Lieblingsnachbarin Francesca. Ich nehme an, sie weiß, wovon sie spricht.
Ich koche sehr gern, besonders italienisch, und war immer überzeugt, dass es hier keinen Raum für Ausnahmen gibt.
So wie Ananas nichts auf Pizza zu suchen hat, gehört Sahne nicht in Carbonara.
Ende der Geschichte. Punkt. Exkommunikation!
Nun, ich habe es ausprobiert. Ich habe die Sahne hinzugefügt. Und ich mag Carbonara weiterhin lieber ohne.
Die ganze Situation machte mir jedoch bewusst, dass auch die italienische Küche von mehr Mythen umgeben ist, als wir denken. Nichts ist vollkommen schwarz oder weiß. Essen und Kochen sind schließlich Vergnügen — und vor allem Geschmackssache. Wenn es jemandem schmeckt, warum nicht?

Auch stimmt es nicht ganz, dass die Bestellung einer Pizza mit Ananas zur sofortigen Abschiebung führt. Ich gehe noch weiter: Ich sehe Pizza mit Ananas immer öfter auf italienischen Speisekarten! Ein Italiener bestellt sie vielleicht nicht, doch das heißt nicht, dass ein Tourist nicht gern dafür bezahlt.
Entschuldige, mein Freund — Geschäft ist Geschäft.
Ein paar Scheiben Ananas auf dem Teig können einige zusätzliche Euro in der Kasse bedeuten. Und ein italienischer Gastronom ist neben seiner Nationalität immer noch Unternehmer.
Auch die Italiener selbst werden experimentierfreudiger. Zwar ist das vor allem das Gebiet der jüngeren Generationen, doch es gibt immer mehr Pizzerien, in denen man jede erdenkliche Erfindung probieren kann.
Meine Kinder haben eine Lieblingspizzeria in Lecce. Angeblich ist sie legendär und gehört zu den besten Pizzerien der Welt. Sie lieben sie. Ich nicht besonders. Pizza mit Kartoffeln, Roter Bete und wer weiß was noch ist eindeutig nicht mein Fall. Sie finden sie großartig. Auch das zeigt, wie selbst eine kulinarisch so konservative Gesellschaft wie Italien sich neuen Aromen und globalen Trends öffnet.
Ich bin sehr neugierig, wie es weitergeht. Sagen wir: in zwanzig Jahren.
Ist das nur eine vorübergehende Mode?
Werden die heutigen Zwanzig- und Dreißigjährigen, die diese Trends schaffen, auch mit vierzig oder fünfzig noch experimentieren? Oder kehren sie irgendwann zu den Ursprüngen zurück, essen glücklich eine gute alte Diavola und beschweren sich über die kulinarischen Ideen ihrer eigenen Kinder? Vielleicht ist die italienische Küche doch keine Sammlung heiliger, unveränderlicher Regeln. Vielleicht ist sie eher wie eine Sprache: lebendig, im Wandel, offen für neue Wörter und manchmal auf eine Weise verwendet, die alle anderen schlicht für barbarisch halten.
Die einzige Frage ist: Wo endet das kulinarische Experiment und wo beginnt das Sakrileg?
Sahne in Carbonara? Ananas auf Pizza?
Oder liegt die Grenze vielleicht genau dort, wo es uns selbst nicht mehr schmeckt?


